Befundliche Korrelate zu den diagnostischen Kriterien IOM 2015

Substantielle Reduktion der Alltagsfunktionalität mit/bei Erschöpfung
Neben anamnestischen Merkmalen (Vernachlässigung von Hobbies, Absenzen in der Schule/Arbeit, vermehrtes Krankschreiben, Abnahme der sozialen Aktivitäten) können hier unterschiedliche Scoring- und Screening-System angewendet werden.

  • Fatigue Severity Score (FSS)
  • Diverse Fragebögen zu Lebensqualität (QOL, z.B. SF-36, Freiburg Life Quality Assessment)
  • Bell’s Disability Score for ME/CFS
  • Energy Index Point Score (EIPS) nach Dr. Lerner
Am häufigsten klagen die Betroffenen über ein schwer in Worte fassbares Allgemein-Gefühl des Unwohlseins (“Dauer-Erkältung”, “Grippigkeit”, “ständiger Muskelkater” etc.). Das Leiden ist so polymodal und schwierig in einzelne Elemente zu zerlegen, dass man es häufig zusammenfasten als «Ich bin fertig / kaputt».

Postexertionelle Malaise (PEM)
Dieses Phänomen ist sehr typisch und die meisten Betroffenen werden sich bei der Erfragung sofort wiedererkennen. V.A. die früher erwähnte «Kapputheit» nehme nach Belastungen deutlich zu. Manchmal ist die Reizüberflutung des Betroffenen jedoch so gross oder sein Kampf um die Normalität so ausgeprägt, dass die zeitlichen Zusammenhänge zwischen Belastungen und protrahierten Symptomen nicht bewusst sind. Abhilfe schafft hier das Selbst-Monitoring:

  • Individuelle Symptomtagebücher
  • Aktigraphien
Bei Abenteuerlust des Diagnostikers, können entsprechende Befunde aus den Studien reproduziert werden. Diese brauchen zwar das Grundwissen aus den entsprechenden Gebieten und Papers, können aber für die Betroffenen sehr befreiend sein oder Argumente bei versicherungstechnischen Fragen liefern.

  • Sequentielle Spiroergometrie nach Staci Stevens
    postexertionell vermindert: anaerobe Schwelle (AT), maximaler O2-Verbrauch (VO2max), maximalle Wattleistung (Max. Last), maximale Herzfrequenz (= chronotrophe Inkompetenz)
  • Funktionelle Bildgebungen des Gehirns nach Belastung
    diffuse Verminderung der Perfusion mit postexertioneller Akzentuierung (SPECT)
    veränderte funktionelle Konnektivität (Hirnstamm, limibisches System)
  • Kardiovaskuläre Analysen vor- und nach Belastung
    sehe «orthostatsiche Intoleranz»
  • Metabolische Analysen vor und nach Belastung
    Abnahme der Anzahl und der Reaktivität der natürlichen Killer-Zellen (NKCs)
    Veränderte Zytokinen-Profile
    Wechselnde endokronologische Funktionen

Unerholsamer Schlaf
Hier gelten die Standardregeln der Schlafmedizin. In erster Linie geht es um die richtige Anamnese. Es sollte gezielt gefragt werden nach Ein-/Durchschlafstörungen, frühem Erwachen, Alpträumen, hypnagogen Phänomenen und Halluzinationenn, Schmerzen, Ängsten/Panikattacken, choking Episoden, Schnarchen, Krampfanfällen, ruhelosen Beinen, morgendlichen Zephalgien, Gedankenkreisen, Schlaf-Hygiene (Bettzeiten, Einschlaflatenz, Schlafdauer) und Anwendung von Stimulantien / Sedativa. Dies liefert bereits zahlreiche Anhaltspunkte für eine potentiell behandelbare primäre Ursache oder Ko-Morbidität.

Die häufigste Klage der ME/CFS-Betroffenen ist die die Dysanie/Klinomanie, also erschwertes Herauskommen aus dem Bett nach dem Schlaf. Salopp zusammengefasst als «Morgenmüffel», umfasst diese Klage meistens einen fehlenden Antrieb mit Muskelsteifigkeit und erhöhtem Bedarf an Willenskraft zur Überwindung dieses Zustandes. Im Gegensatz zu typisch depressivem Bild, wo die Betroffenen nur noch ins Bett wollen, wollen die ME/CFSlern nur noch raus, können es aber nicht.

Bei jeder Form von unerholsamem Schlaf sollten weitere Abklärungen durchgeführt werden:

  • Diverse Fragebögen (z.B. Epworth Sleepiness Scale / ESS, Functional Outcomes of Sleep Questionnaire / FOSQ)
  • Schlaftagebuch
  • Schlafanalysen (mindestens eine ambulante respiratorische Polygraphie)
Bei bis zu 50% der ME/CFS-Betroffenen liegt eine formale, schlafmedizinische Störung vor! Manchmal ist sie auch die primäre Ursache des Leidens, meistens jedoch ist sie nur begleitend. Am häufigsten handelt es sich um: Schlaf-Apnoe (v.a. obstruktiv), Restless Legs Syndrome (RLS), psychophysiologische Insomnien (v.a. Gefühl der inneren Aktivierung/Unruhe beim Einschlafen – nicht immer begleitet durch Gedankreisen!) und Alpträume.

Kognitive Beeinträchtigung (KB)
Analog PEM, erkennen sich die betroffenen Patienten sofort wieder bei gezielter Erfragung. Prinzipiell können jegliche Kombinationen von diversen, neuropsychologischen Defiziten in verschiedenen Ausprägungen vorliegen. Am häufigsten klagen die Betroffenen gesamthaft über «Hirnverneblung». Die Schwierigkeiten umfassen v.A. Kurz- und Langzeitgedächtnis, Integration von mehreren Stimuli gleichzeitig, räumliche Orientierung, Tagesplanung und Einhaltung von Verpflichtungen, Konzentrationsaufgaben (Lesen, Schreiben, Computer-Arbeit). Es besteht meistens eine Überempfindlichkeit gegenüber diverse Reize – am häufigsten akustischer und optischer Natur. Als typisch belastend werden die sozialen Interaktionen genannt (Arbeit, Parties etc.).

Abhilfe in der Differenzierung können folgende Massnahmen schaffen:

  • Individuelle Symptomtagebücher
  • Aktigraphien
Bei Abenteuerlust des Diagnostikers, können entsprechende Befunde aus den Studien reproduziert werden. Diese brauchen zwar das Grundwissen aus den entsprechenden Gebieten und Papers, können aber für die Betroffenen sehr befreiend sein oder Argumente bei versicherungstechnischen Fragen liefern.

  • Schriftprobe
  • Klinische Schnelltests (Mini Mental Status / MMS, Montreal Cognitive Assesment / MoCa)
  • Diverse klinische Inteligenz-, Afumerksamkeits- oder Ausdauertests (z.B. Reaktionszeit)
  • Neuropsychologische Abklärungen
Die kognitiven Schwierigkeiten nehmen im Rahmen der postexertionellen Malaise deutlich zu – so lohnt es sich v.A. hier die diversen Funktionen bei Baseline und 12 bis 72 Stunden nach körperlicher Belastung zu testen.

Orthostatische Intoleranz (OI)
Gemäss der modernen Definition handelt es sich um Zunahme oder Auftreten von Beschwerden mit zunehmenden Grad oder Dauer der Vertikalisierung des Körpers. Die Beschwerden in der klassischen Präsentation reichen von «Kopfleichtigeit» / Unwohlsein / Übelkeit, über muskuläre Schwäche, Schwindel und Palpitation/Schweissausbrüche bis hin zu «mouche volantes», Amaurosis und Synkopen. Die Betroffenen neigen somit zum sequentiellen Aufstehen oder Hinlegen mit/ohne Beinhochlagerung zwischendurch. Bei schwergradigen Fällen folgt eine rasche Entkräftung bereits im Sitzen oder bei Oberkörperhochlagerung.

Im Alltag empfinden die meisten leicht- bis mässiggradig Betroffene v.a. längeres Stehen als belastend. Eine Fortbewegung liefert hier oft eine gewisse Ablenkung. Typischerweise ist Schlangestehen (Post, Bank, Läden) eine Qual und kann leicht mit diversen Angststörungen verwechselt werden (Unruhe, Palpitationen, Schweissausbrüche, Tunnelblick).

Abhilfe in der formalen Erfassung schaffen:

  • Blutdruck- und Pulstagebuch
  • Klinische Grundtests (Schellong I, Schellong II)
  • Kontinuierliche Pulsaufzeichnung (Aktigraphien, Herz-Raten-Monitore, Langzeit-EKG)
  • Klinische Zusatztests (Kipptisch-Untersuchung, Pulsvariabilitäts-Analyse oder Pulswellenanalyse)
  • Kardiovaskuläre Impendanzanalyse
Auch hier gilt die Regel der postexertionell verstärkten Befunde.Am häufigsten anzutreffen: posturale orthostatische Tachykardie, asympathikotone Orthostasen-Störung, verminderte Herzratenvariabilität mit gesamthaft erhöhter Herzfrequenzamplitude, überdurchschnittliche nokturnale Bradykardie, verminderter Cardiac Output (CO), verkürzte QT-Zeit und transiente T-Wellen-Negativierungen.

Quellen

“EEG spectral coherence data distinguish chronic fatigue syndrome patients from healthy controls and depressed patients – A case control study”
Frank H Duffy et al. BioMed Central Neurology, Published 2011, 11:82
http://www.biomedcentral.com/1471-2377/11/82

“Right Arcuate Fasciculus Abnormality in Chronic Fatigue Syndrome”
Michael M. Zeineh et al, RSNA Radiology, Published 01.06.2015
http://pubs.rsna.org/doi/full/10.1148/radiol.14141079

“A Comparison of Neuroimaging Abnormalities in Multiple Sclerosis, Major Depression and Chronic Fatigue Syndrome (Myalgic Encephalomyelitis): is There a Common Cause?”
Gerwyn Morris, Michael Berk, Basant K. Puri Neurobiology, Published 17.05.2017
https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs12035-017-0598-z

“Impaired cardiac function in chronic fatigue syndrome measured using magnetic resonance cardiac tagging”
K.G. Hollingsworth et al. Journal of Internal Medicine, Published March 2012, 271(3):264-70
https://www.ncbi.nlm.nih.gov

“Variability of postural orthostatic tachycardia in patients with myalgic encephalomyelitis and orthostatic intolerance”
Miwa K. Heart Vessels, Published 03.09.2016 (9):1522-8
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00380-015-0744-3

“Cardiac dysfunction and orthostatic intolerance in patients with myalgic encephalomyelitis and a small left ventricle”
Miwa K. Heart Vessels, Published 30.07.2015 (4):484-9
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00380-014-0510-y

“Blood volume and its relation to peak O2 consumption and physical activity in patients with chronic fatigue”
William B. Farquhar et al. American Physiological Society, Published 17.09.2002
http://www.ajpheart.org

“Postexertional Malaise in Women with Chronic Fatigue Syndrome”
J. Mark VanNess et al. Journal of Women’s Health, Published 02.11.2010, Volume 19
http://online.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/jwh.2009.1507

“Discrimitive Validity of Metabolic and Workload Measurements for Identifying People Witch Chronic Fatigue Syndrome”
Christopher R. Snell, Staci R. Stevens et al Journal of the American Physical Therapy Association, Published 27.06.2016, 93:1484-92
http://ptjournal.apta.org/content/93/11/1484

“Severity of symptom flare after moderate exercise is linked to cytokine activity in chronic fatigue syndrome”
Andrea T. White et. al Psychophysiology, Published July 1st 2010: 47(4): 615-24 doi:10.1111/j.1469-8986.2010.00978.x.

“Impaired calcium mobilization in natural killer cells from chronic fatigue syndrome / myalgic encephalomyelitis paitents is associated with transient receptor potential melastatin 3 ion channels”
T. Nguyen et al. Clinical & Experimental Immunology Published 2016, 187:284-293
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5217865/pdf/CEI-187-284.pdf

“Chronic Fatigue Syndrome and Mitochondrial Dysfunction”
S. Myhill et all. International Journal of Clinical and Experimental Medicine, Published Jan 2009, 2(1):1-16
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2680051/