Ätiopathogenese

Die postexertionelle Malaise ist die wichtigste, klinische Feature, und die Krankheit selber keinesfalls rein psychogen.

Eine zufriedenstellende, übergreifende Haupttheorie wurde noch nicht erstellt. Die bisherigen Entdeckungen deuten aber auf eine tiefgreifende, erworbene Störung des Immunsystems als primäre Ursache hin. Dieses scheint in gewissen Bereichen deutlich hyperaktiv zu sein, und in den anderen hingegen deutlich hypoaktiv. So sind die Th1-Prozessen meistens schwach, die Th2-Antworten hingegen verstärkt. Es treten auch angehäuft diverse Immunmängel auf (z.B. Mangel an Mannose-Bindendes Lektin / MBL, Komplement-Disproportionen, Immunoglobulin-Verschiebungen und metabolische Veränderungen der Immunzellen). Die sonst unproblematischen Belastungssituationen führen zu einem prolongierten Zytokinen-Sturm und Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Gleichzeitig, sind die Betroffenen anfälliger gegenüber bestimmte Infekte und Autoimmunkrankheiten (sehe weiter). Es treten auch vermehrt aseptische Inflammationszustände (oft chronisch/rezidivierend und atypisch).


Gut belegt sind auch kardio-angiologische, (psycho-)neurologische, endokrinologische sowie metabolische Aspekte dieser Erkrankung – zahlreiche Studien dokumentieren die eindrückliche, postexertionelle Funktionsverschlechterung der betroffenen Systeme.

Einzelne, experimentelle Projekte mit Plasmaaustausch, Apheresen und Leukozyten-Isolaten suggerieren, dass der grösste Anteil der Immundysfunktion durch eine Subgruppe von Serumproteinen vermittelt wird. Diese Theorie wird zurzeit überprüft im Rahmen einer Zusammenarbeit von Universität Stanford (USA), UniversitätsSpital Bergen (Norwegen) und Immunologie der Charite Berlin (Deutschland). Die ersten Resultate sehen vielversprechend aus.

Auch wenn das obige Projekt eine proteinerge Vermittlung der immunologischen Dysbalance belegen würde, ist der erste Stein in der Lawine noch lange nicht ersichtlich. Höchstwahrscheinlich handelt es sich eher um multiple Feedback-Schleifen im Leerlauf-Modus als um einen einzigen, zugrundeliegenden Prozess. Die noch unklaren Phäno- und Genotypisiersungen werden hier vermutlich mehr Ansatzpunkte anbieten.

Es kursieren aber bereits 3 grosse und spannende Vereinheitlichungs-Versuche:

  • Hypothese der Vagusnerv-Entzündung: Durch chronisch-latente Infektion/Inflammation in den distalen Ganglien/Plexi könnte der Körper in eine dauerhafte Alarmbereitschaft versetzt werden. Bisherige Tiermodelle liefern eine gute Grundlage für diese Theorie – gezielte, distale Reizungen führen bei Mäusen zu SIRS-ähnlichen Zuständen, eine Vagotomie wirke «heilend». Weitere Studien folgen
  • Winterschlaf-Hypothese: Die Profile diverser Genprodukte bei den ME/CFS-Betroffenen ähneln denjenigen im Winterschlaf von vielen Tieren. Es entstand eine faszinierende Idee über mögliche, stressinduzierte Reaktivierung von diesen evolutiv-latenten Pathways bei den Menschen
  • Hypothese der erworbenen (Semi-)Mitochondropathie: Eine segmentale bis systemische Energiegewinnungsproblematik scheint zu den diffusen und v.a. belastungsassoziierten Symptomen gut zu passen. Einzelne Studien konnten die mitochondriale Beteiligung bereits implizieren. Diesbezüglich sind zurzeit weitere, grosse Projekte in USA, England, Schweden und Australien am Laufen.

Quellen

“Chronic fatigue syndrome from vagus nerve infection: a psychoneuroimmunological hypothesis”
Michael B. VanElzakker; Med Hypotheses, 2013 Sep; 8(3):414-23; PMID: 23790471, DOI: 10.1016/j.mehy.2013.05.034
https://www.pdf-archive.com/2013/06/23/vanelzakker-vnih-cfs-in-press/vanelzakker-vnih-cfs-in-press.pdf

“Metabolic features of chronic fatigue syndrome”
Robert K. Naviaux et al. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America; Vol 113 no. 37 E5472 – E5480; DOI: 10.1073/pnas.1607571113
http://www.pnas.org/content/113/37/E5472.full

“Diagnosis and Treatment of Chronic Farigue Syndrome: it’s mitochondria, not hypochondria”
Sarah Myhill; 2nd Edition, Hammersmith Health Books, London, UK
ISBN: 978-1-78161-079-4

“Metabolic profiling indicates impaired pyruvate dehydrogenase function in ME/CFS”
Oystein Fluge et al. JCI Insight, 2016 Dec 22; 1(21): e 89376; PMCID: PMC5161229
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5161229/

“Metabolic profiling reveals anomalous energy metabolism and oxidative stress pathways in chronic farigue syndrome patients”
Christopher W. Armstrong et al. Metabolomics, Published 30.05.2015; DOI: 10.1007/s11306-015-0816-5
https://meaustralia.files.wordpress.com/2016/07/metabolic-profiling-reveals-anomalous-energy-metabolism-and-oxidative-stress-pathways-in-chronic-fatigue-syndrome-patients.pdf

Updates aus diversen Projekten:
OPEN MEDICINE FOUNDATION: https://www.omf.ngo/the-end-mecfs-project/